Kürzlich erhielt ich einen Gruß, der mich schon zum Nachdenken gebracht hat. „Du unermüdlicher Ökoritter!“, hieß es wohlwollend von einer guten Freundin, und weiter wurde mir viel Gelassenheit gewünscht, diese Welt zu ertragen und auch das Schöne darin zu sehen.

 

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Die Welt, verschluckt vom Nebel

Beim Blick auf die Krisen dieser Welt droht mir das gelegentlich tatsächlich abhanden zu kommen. Es gelingt mir zum Glück, trotz der melancholischen Stimmung, die der Herbst so mit sich bringt, mich auch über die spezielle Luft dieser Jahreszeit zu freuen, über die Blattverfärbungen, die Früchte, die es jetzt gibt, und noch warme Sonnenstrahlen.

 

Andererseits fühle ich mich auf Schritt und Tritt von unserer unsinnigen Lebensweise verfolgt: die tägliche Autolawine in der Stadt, durch die ich mich an manchen Stellen mit dem Rad schlängeln muss, der Hausneubau auf einer weiten Grünfläche hier in der Nähe, der mich befürchten lässt, dass dieser gesamte erfreulicherweise noch existierende Acker in Trudering mit seinen Selbst-Schneide-Blumen und Erdbeerfeldern noch verschwinden wird, oder der jetzt Hochsaison habende Blätterbläser, der mit Lärm und Benzingestank soeben bis vor die Haustür tätig war (Auswüchse eines Hausmeisterdienstes).

 

Die meisten Mitmenschen sind sich, so glaube ich, schon der unheilvollen Entwicklungen unserer Zeit bewusst, meinen aber, darauf angesprochen, dass man doch sowieso nichts bzw. nichts mehr daran verändern kann. Auch ich verfalle immer wieder in diese „merkwürdige resignative Erleichterung“, wie der Klimaforscher und Regierungsberater Hans Joachim Schellnhuber dies kürzlich genannt hat (der Artikel ist online zu lesen). Zu groß, zu komplex erscheinen die anstehenden Aufgaben, zu klein und ohnmächtig bin ich selbst dabei. Und alleine kann ich doch sowieso nicht die Welt retten. Schellnhuber hielt übrigens dagegen: nur ein sehr kleiner Beitrag unserer Wirtschaftsleistung wäre nötig, um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen. Allerdings meint auch er:

 

„Die Zeit drängt, und Nichtstun kostet. Je später die Welt sich entschließt, den Ausstoß an Treibhausgasen zu senken, desto steiler muss die Emissionskurve dann nach unten gebogen werden. Spät zu handeln, wird sehr viel teurer als früh etwas zu tun, das zeigen alle Studien. Mit den Emissionen wachsen auch die Risiken. Hitzewellen schädigen Ernten, extreme Regenfälle führen zu Überschwemmungen, der Anstieg des Meeresspiegels begünstigt Sturmfluten. Je später wir konsequent das Klima schützen, desto höher wird am Ende die Rechnung sein. Im schlimmsten Fall stehen Sicherheit und Frieden in vielen Weltregionen auf dem Spiel.“

 

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Jährliches Vergnügen – oder generell etwas abgehoben?

Ein Faktor des Nichtstuns – neben Verdrängung, Nicht-Wahr-Haben-Wollen, Flucht in Alltagsvergnügen und blindem Vertrauen in vermeintlich noch kommende technische Lösungen – ist vor allem die mangelnde Begeisterung. Umwelt- und Klimaschutz sind nicht cool, sondern klingen nach drögem Verzicht und Lustfeindlichkeit. Kürzlich war vor dem Apple-Store eine lange Schlange zu sehen – das neue i:phone6 war auf dem Markt. Zu den aufklärerischen Veranstaltungen hingegen kommen die immer gleichen, langsam müden Engagierten. So meinte eine Diskutantin kürzlich, dass doch jeder wenigstens einen Mitmenschen mitbringen müsste, der sich noch nicht mit solchen Themen befasst hat.

 

Resignative Erleichterung, mangelnde Begeisterung? Kein Bock, die eigenen Lebensgrundlagen zu bewahren? Ich denke, dass uns auch die Beziehung, die Verbindung dazu abhanden gekommen ist. Darüber werde ich Ökoritter ein anderes Mal mit meiner stumpfen Blog-Waffe schreiben. Ich geh’ jetzt erst mal an die Luft, das Schöne suchend und Gelassenheit übend.

 

Im gerade in den Kinos laufenden Dokumentarfilm „Song from the Forest“ meint der Musikforscher Louis Sarno nach jahrzehntelangem Leben im afrikanischen Busch beim Blick auf eine New Yorker Straßenkreuzung: „Es ist eine seltsame Welt. Wenn man lange weg ist und dann zurückkommt, begreift man, wie seltsam und künstlich hier alles ist. Alle sind beschäftigt mit Aufgaben, die keinen wirklichen Wert für ihr Leben haben“.

 

 

 

 

 

 

Resignative Erleichterung?

4 thoughts on “Resignative Erleichterung?

  • 1. Oktober 2014 bei 22:49
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    >nur ein sehr kleiner Beitrag unserer Wirtschaftsleistung wäre nötig, um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen

    Zwei Punkte:

    1) „wäre“: bisher ist davon global gesehen nichts zu sehen, die Emissionen nehmen jedes Jahr noch mehr zu (ausser 2008, bei der Wirtschaftskrise). Die Chinesen und andere machen zwar viel, aber das Wachstum der fossilen Energien geht weiter, auch wenn sie relativ etwas zurückgehen. Und die neuen Kraftwerke haben Armortisierungszeiten von 40 Jahren ( http://www.nytimes.com/2014/09/22/science/earth/scientists-report-global-rise-in-greenhouse-gas-emissions.html?ref=science ).

    2) können wir wirklich dem Klimawandel etwas entgegensetzen, indem wir alles 1:1 übernehmen, nur mit regenerativen Energien? Schellnhuber und noch mehr Rifkin (siehe http://www.taz.de/Jeremy-Rifkin-ueber-den-Kapitalismus/!146768/ ) scheinen optimistisch zu sein, dass die Überwindung der Energie-Krise den Planeten nicht anderweitig überbeanspruchen wird (Abholzung für Biosprit, industrielle Landwirtschaft, Gentechnik, zu wenig Litium für Batterien, Wirtschaftswachstum, Wasserknappheit, usw). Mögen sie recht behalten. Es gibt allerdings auch andere Stimmen (Jorgen Randers, „2052: A global forecast for the next 40 years“ ( http://www.clubofrome.org/?p=703 ); Stephen Emmott, „10 Billion“ ( https://www.youtube.com/watch?v=rVzxLck7dEg ), Niko Paech, …). Wir werden sehen (d.h. ich nicht, ich bin dann schon tot).

    Natürlich sollte man trotzdem so tun, als ginge es mit gradueller Veränderung einfach weiter, damit es weiter gehen kann, wenn man als Pessimist (Realist?) unrecht hat.

  • 3. Oktober 2014 bei 20:19
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    Bei Big Business und Milliardengewinnern wie zu erwarten von Resignation keine Spur: anscheinend verstärkt sich von ökonomischer Seite der Druck, Regeln zu fordern, innerhalb derer man ohne verheerende Verwüstungen Gewinn machen kann (denn das müssen die Börsen-Konzerne: sie müssen alles, was kostenlos ist mitnehmen, das gebieten ihnen die Börsengesetze: der Gewinn ist zum Nutzen der Aktionäre zu maximieren: Klima kostenlos zerstörbar? Gewinnvorteil mitnehmen, sonst macht es die Konkurrenz und hat einen Wettbewerbsvorteil: beschränkt wird das Ganze nur durch die Verbraucher (nicht ausreichend: die sehen das nur als Marktsegment) und durch die Politik, die nun auch gefordert ist, ebenso wie die Verbraucher, die gefordert sind, solche klimafreundlichen Regulierungs-Politiker (wieder) zu wählen).

    http://insideclimatenews.org/news/20140929/big-business-climate-change-movement-grows-size-and-heft

  • 5. Oktober 2014 bei 20:07
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    Natürlich braucht es aber mehr, als Big Business und der Mainstream-Bürger denken:

    Curbing climate change requires „complete transformation“ – UNEP official
    Kaveh Zahedi, regional director and representative for Asia and the Pacific at the United Nations Environment Programme (UNEP)

    Q: What do we need to do to avoid such worst-case scenarios?
    A: We’re talking about a fundamentally different approach to our economies, to our development, to our energy use and the type of energy we use: a complete transformation. …
    http://www.trust.org/item/20141003105032-a596h

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